Bundesregierung: Klarstellung bei Praktikanten ?

Bundesregierung: Klarstellung bei Praktikanten ?

Beitragvon Tom » Di, 25 Mär 2008 2:52 +0000

Bundesarbeitsminister Olaf Scholz (SPD): "Klarstellung bei Praktikanntenstellen"
Dennoch:
Ausbeutung der Praktikanten blieb unangetastet !

Der Bundesarbeitsminister Olaf Scholz (SPD) der 16. Wahlperiode wollte eine "Klarstellung bei Praktikantenstellen". Was er wirklich mit seinem Vorschlag veränderte, war fast gleich Null. Die Ausbeutung der Praktikanten blieb unangetastet ! Lukrative Arbeitsplätze wurden weiterhin durch billiglöhnende Null-Euro-Praktikanten besetzt gehalten, und nicht durch Freigabe geschaffen ! Billiglöhnerei wurde an dieser Stelle nicht das garaus gemacht.

Billiglöhnerei und Null-Euro-Jobs sollte bei der Deutschland AG Trumpfass bleiben !

Dabei war es längst Zeit für Veränderung. Die letzten Bundesregierungen, in der Regel zusammen gesetzt aus SPD, CDU, der Bauernpartei CSU, und der FDP, hatten nichts zwingendes gegen die Ausbeutung der Praktikanten unternommen. Mindestens seit 1998 gab es die Fehlentwicklung auf dem Arbeitsmarkt, wobei Schätzungen davon ausgingen, dass hunterntausende Praktikantinnen und Praktikanten pro Jahr als Null-Euro(DM)-Jobber im Einsatz waren.

DIE ZEIT (Nr. 14) schrieb online am 31.03.2005 auf der Seite 61, dass früher Praktikanten bloß Erfahrungen für ihr künftiges Berufsleben sammeln sollten.
Dabei wurden sie schon längst als billige Arbeitskräfte eingesetzt.

Es gibt Arbeitslosenstatistiken in Deutschland, jeden Monat neue. Eine Praktikantenstatistik gibt es nicht. Niemand zählt sie, niemand errechnete sie.

Letizia aus Padua (Italien) wusste 1998 anderen europäischen Studenten zu berichten, dass es keinesfalls üblich sei, gleich einen Job zu bekommen. Stattdessen nahmen die Absolventen in Italien viele schlecht oder gar nicht bezahlte Praktika an, um, nach ein paar Jahren vielleicht, eine richtige Stelle zu bekommen. Das im Frühling 1998 in einem Cafe in Lyon um einen Bistrotisch versammelte restliche Europa war überrascht und empört.
Doch bereits im Jahr 1998 hatte sich auch Deutschland ein wenig italienisiert. Nach dem Studium verblieben die jungen Leute häufig mehr als ein Jahr als Praktikant in den Betrieben (und etwa die gleiche Zeit während des Studiums). Hierzu zählten z.B. die Geisteswissenschaftlern und Architekten, und die vergleichsweise marktkonforme Studienfächer, wie Ingenieure und Juristen, Wirtschaftswissenschaftler und Sozialarbeiter. Früher hießen sie oft Schnupperpraktika, weil es darum ging, einmal hinein zuriechen in eine Zementfabrik oder eine Werbeagentur, um herauszufinden, ob der Beruf zu einem passt oder nicht. Das hatte sich geändert. Je mehr arbeitslose junge Akademiker es gab, desto lieber stellten die Unternehmen Praktikanten ein, die für wenig Geld professionelle Arbeiten verrichteten. So trat zwischen Ausbildung und Beruf eine häufig mehrere Jahre währende Dauerpraktikantenschaft ein. Die Praktikanten wurden nie arbeitslos, weil sie nie einen festen Job hatten. Sie haben daher auch keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld oder auf Startgeld für eine Ich-AG. Wer 1998/1999 im Internet nach Jobangeboten für Berufsanfänger suchte, der fand dort vor allem Praktikantenstellen, wobei von 24 Firmen nur vier ein Honorar versprachen, z. B. in Höhe von mindestens 250 Euro - und zwar für einen Praktikanten, der gleich ein halbes Jahr bleiben sollte und fähig war, "selbstständig" zu arbeiten, er soll die Online-Präsenz optimieren". Solche Praktika klangen nicht mehr sehr nach Schnuppern, eher nach Ausbeuten. Aber wer gab das gerne zu ? Nur die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung gab offen zu, dass bei ihr die Zahl der Festangestellten seit 1998 gesunken, und jene der Praktikanten gestiegen wäre. Resigniert wussten die Studenten, dass viele keine echte Chance hatten einen festen Job zu bekommen. Resigniert auch, weil bei vielen Praktikanten das Praktikum gar nichts mehr für den Lebenslauf brachte, denn die Rubrik "Praktische Erfahrungen" lief bereits über. Manche hatten so viele Praktika hinter sich, dass sie gar nicht mehr wagten, diese alle aufzulisten, wenn sie sich bewarben - denn potenzielle Arbeitgeber dachten, die Praktikanten könnten sich nirgendwo einfügen.
Dennoch:
Die Menschen, die einen Beruf wollten, sammelten während des Studiums mehr oder weniger besinnungslos Praktika. Sie kauften sich Anzüge, und sie haben sich systematisch angelesen, wie man sich in diesen Anzügen verhalten sollte. Sie haben ein freundliches Gesicht gemacht, wenn sie gebeten wurden, sich in der Runde der Festangestellten "kurz mal vorzustellen". Dann haben sie knapp gesprochen, ihren Namen genannt und vielleicht noch ihre Universität, um nicht lästig zu werden. Und dann haben die Anwesenden ihren Namen vergessen.

Sie spazierten in die Firmen, sie wurden von den älteren Kollegen wegen ihrer Jugend und ihres Fleißes geliebt, aber diese Liebe war nicht von Dauer. Sie wurden benutzt, aber nicht gebraucht. Und je weniger sie gebraucht wurden, desto lieber und freundlicher wurden die Praktikanten. Die karrierebewusste Jugend, die es je gab, machte wahrscheinlich am wenigsten Karriere.

Auch Juristen, die sich während des Studiums in drei Kontinenten aufhielten, und dort Vorträge über die Legalisierung von Drogen hatten, machten z.B. auch Station bei der Bundesregierung und sie wussten mehr über das Drogenrecht als manche Andere, die damit ihr Geld verdienten. Längst müde geworden vom dauernden Umherziehen, und heilfroh zum ersten Mal sesshaft in der Stadt zu sein, in der auch die Freundin wohnte, ging es ein paar Monaten ohne Job nach Brüssel, um ein weiteres Praktikum zu machen, für 800 Euro im Monat, ohne Rentenversicherung, Unfallschutz und Berufsunfähigkeitsversicherung.

Es ging immer irgendwie. Die Praktikanten liehen sich etwas von den Eltern, sie arbeiteten am Abend oder in der Nacht, das Wohnungsamt zahlte vielleicht 60 Euro. Es wurde keine Familie gegründet, da es keine gute Zeit war. Gespräche mit den Eltern über das Praktikantendasein war so gut wie unmöglich, weil die Eltern vielfach glaubten, dass diejenigen einen Job bekamen, die im Praktikum gut waren.
Schlimmer waren die Kollegen im Praktikum, die es den Praktikanten nicht einfach machten, zusätzlich zu den kleinen Demütigungen, die jedes Praktikum zwangsläufig mit sich brachte (keine eigene E-Mail-Adresse, kein fester Schreibtisch, kein Gehalt). In Straßburg, beim Fernsehsender Arte, wo es von Praktikanten nur so wimmelte, war es üblich, dass Festangestellte ihre Praktikanten bei sich in ihren Altbauwohnungen wohnen liessen, gegen Bezahlung selbstverständlich. Es gab dort Praktikanten, die sich von ihren Vermietern, drei Jahre älter als sie selbst, vorschreiben lassen mussten, welches Geschirr sie benutzen durften und an welchen Wochenenden der Freund zu Besuch kommen durfte. Praktikanten sollen, so hiess es, Erfahrungen sammeln. Auf einige konnten sie gut verzichten. Nach jedem Praktikum, das zu nichts führte, blieb ein seelischer Schaden zurück. Von Praktikum zu Praktikum nahm die Zuversicht weiter ab. Besonders demotivierend waren Fragen im Vorstellungsgespräch: "Nun erklären Sie uns mal, wie so ein guter Typ, wie Sie es sind, seit mehr als einem Jahr ohne Job ist."

Der Dauerpraktikant schadete nicht nur sich selbst. Weil es so einfach für die Unternehmen war, echte Stellen mit Praktikanten zu besetzen, sorgte er auch dafür, dass es weniger echte Jobs gab. Das Einzige, was geholfen hätte, wäre ein Praktikantenboykot gewesen, aber das funktionierte nicht.

Verwunderlich war immer wieder, dass z. B. nach anderthalb Jahren Praktikum in anderen Unternehmen ein Job in einem Verband zu bekommen war, obwohl dort kein Praktikum gemacht wurde. So weit gekommen, entspannte dies, es war wieder Zeit für die Suche eines Partners oder einer Partnerin, da aufgrund der ständigen Ortswechsel der Partner oder die Partnerin verloren ging.

Die Zeiten für Praktikanten änderten sich nicht.

Der karrierefuehrer.de online titulierte am 13.02.2006: Sind Praktikanten nur billige Arbeitskräfte?

Um einen Job zu finden, mussten Hochschulabsolventen weiterhin eine Reihe von Praktika nachweisen, da sonst die Einstellungschancen eher gering gewesen seien. Und selbst wenn diese Voraussetzung erfüllt war, wurde die Suche nach dem ersten richtigen Job meist zum Frusterlebnis, denn viele Unternehmen setzten vermehrt auf Praktikanten, die für wenig Geld professionelle Arbeit verrichten. Deshalb sank trotz steigender Zahl arbeitsloser Akademiker gleichzeitig auch die der freien Stellen für Berufseinsteiger. Das war das Ergebnis einer Umfrage im StepStone Channel "Uni & Berufsstart", an der insgesamt 941 Absolventen teilnahmen. Demnach fühlten sich 97 Prozent im Rahmen ihres Praktikums als billige Arbeitskraft ausgenutzt. Dabei gab etwa jeder Fünfte an, dass er zwar ausgenutzt werde, aber Praktika zu wichtig seien, als sich davon abschrecken zu lassen. Lediglich drei Prozent der Befragten hatten nicht das Gefühl, im Rahmen eines Praktikums als billige Arbeitskraft missbraucht zu werden.

Erst im März 2008 schien sich das Blatt für Praktikanten zu wenden.

DIE WELT titulierte online am 19.03.2008: Praktikanten sollen nicht mehr ausgebeutet werden. Arbeitsminister Olaf Scholz will angemessene Bezahlung mit gesetzlicher "Klarstellung" erreichen.

Praktikanten sollten nicht mehr als billige oder gar unbezahlte Arbeitskräfte missbraucht werden. Das wollte Bundesarbeitsminister Olaf Scholz (SPD) mit einer "Klarstellung" der Gesetzeslage erreichen. Neue Regeln solle es nicht geben. "Wir wollen Praktika nicht kaputt machen, sondern sicherstellen, dass Praktikanten angemessen behandelt werden", sagte Scholz. Die Initiative sei eine Reaktion auf die vor zwei Jahren aufgekommene Debatte über die "Generation Praktikum". Damals ging es vor allem um akademisch ausgebildete Berufseinsteiger, die sich von Praktikum zu Praktikum hangelten, ohne eine feste Anstellung zu ergattern. Bei seinen Plänen soll sich Scholz auf die Ergebnisse einer Studie gestützt haben, die sein Ministerium in Auftrag gegeben hat. Sie untersuchte die Situation von Berufseinsteigern zwischen 18 und 34 Jahren mit abgeschlossener Berufsausbildung. Ein zentrales Ergebnis sei gewesen, dass jeder Fünfte der Befragten Praktika absolviert habe. Anders als zuvor angenommen bildeten aber nicht die Akademiker die Mehrheit. Sie stellten nur 24 Prozent der Praktikanten. 31 Prozent seien schulisch ausgebildet gewesen, und 19 Prozent hätten eine betriebliche Ausbildung gehabt. Seine Annahme, dass manche Arbeitgeber Praktikanten als billige Arbeitskräfte missbraucht hätten, begründet Scholz damit, dass 51 Prozent der Praktika unbezahlt und zwölf Prozent unangemessen entlohnt worden wären. Zudem sollen 80 Prozent der Befragten bestätigt haben, etwa die Hälfte ihrer Praktikumszeit oder mehr als normale Arbeitskraft eingesetzt worden zu sein. Dennoch sah der Minister Praktika grundsätzlich positiv. "Praktika helfen vielen." Für immerhin 35 Prozent der Befragten sei das Praktikum die Brücke in eine Anschlussbeschäftigung gewesen. Zwei Drittel gaben an, ihre beruflichen Kenntnisse erweitert zu haben. Scholz' "Klarstellung" der Gesetzeslage sah vor, die bereits bestehenden Regeln "sichtbarer" zu machen. Das Berufsbildungsgesetz schreibe bereits jetzt eine "angemessene Vergütung" von Praktikanten sowie ein "Lernverhältnis" vor. Scholz wollte diese Regelung nun ins bürgerliche Gesetzbuch (BGB) übernehmen, das zumindest Grundsätze des [url=http://wiki.mobbing-gegner.de/Arbeitsrecht]Arbeitsrecht[/url]s regelt. Zudem wollte er dort die Verschriftlichung des Arbeitsverhältnisses vorschreiben. Es ging ihm dabei nur um Praktikanten mit abgeschlossener Berufsausbildung und nicht etwa Studenten, die nebenbei ein Praktikum absolvieren. Staatliche Vorgaben über die Höhe der Vergütung sähen seine Pläne nicht vor. "Das wäre nicht vernünftig", so Scholz.
Der Arbeitsminister hoffte, dass sich mit der Klarstellung mehr Arbeitgeber an das Gesetz halten. Er glaube an eine "generalpräventive Wirkung". Die Klarstellung solle auch dann helfen, "wenn man sich streitet". Scholz nannte seinen Vorschlag eine "smarte Reaktion des Gesetzgebers".
Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) dagegen übte umgehend harte Kritik. "An der gesetzlichen Grundlage ändert sich nichts", sagte die stellvertretende DGB-Vorsitzende Ingrid Sehrbrock. Sie forderte Scholz auf, Praktika generell auf drei Monate zu begrenzen. "Je länger Praktika dauern, desto größer ist die Gefahr, dass sie reguläre Beschäftigung ersetzen sollen". Eine zeitliche Begrenzung schloss Scholz jedoch aus. Der Arbeitsminister wollte seine Vorschläge bald an den Bundestag weiterreichen. Er sei optimistisch, dass auch der Koalitionspartner Handlungsbedarf sähe: "Ich gehe von gemeinsamen Anstrengungen aus."

Solche Minimalregelungen des Ministers gefielen den Arbeitgebern überhaupt nicht.

Reuters Deutschland titulierte online am 18.03.2008: Die Arbeitgeber lehnen die von Arbeitsminister Olaf Scholz geplanten neuen Vorschriften zur Bezahlung von Praktikanten ab.
"Die von der SPD geforderten Regulierungen verhindern die Bereitstellung notwendiger und gewünschter Praktikantenstellen", sagte der Vizepräsident der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände (BDA), Gerhard F. Braun. Die Forderung nach einer zwingenden Vergütung bedeute das Aus für beidseitig gewünschte Praktika. Die geplanten neuen Vorschriften seien unsinnig. Die Anstellung von Praktikanten sei in vielen Fällen für die Unternehmen mit hohem zeitlichem Aufwand und damit auch Kosten verbunden.


Anmerkung: In der Mindestlohndebatte hier im Forum bei Mobbing-Gegener wurde auf den Niedriglohnsektor hingewiesen.

Unklar blieb, weshalb die Praktikannten keinen Mindestlohn erhalten sollten, da sie ohnehin vielfach als Arbeitskräfte eingesetzt werden sollten. Immerhin gingen Schätzungen davon aus, dass ca. 500.000 Praktikantinnen und Praktikanten pro Jahr im Einsatz waren. Und wer kontrollierte, ob ein Praktikant als Arbeitskraft ausgenutzt wurde ? - Niemand ! - . Ein gesetzlicher Mindestlohn für Praktikanten war daher zwingend !

Die SPD, die CDU, die Bauernpartei CSU, und die FDP waren nicht wählbar. Sie änderten am Schicksaal der Parktikanten nichts, oder nichts Zwingendes.

Zum Thema auch:
Bundestagswahl 2009: Jubel ! Die Arbeitslosenzahl ist gesunken, rausgemobbte ältere Arbeitnehmer wurden in den Unternehmen nicht weitergebildet

Und was vor dem Praktikum bei den Schülerinnen und Schülern läuft ... :
Arbeitsüberlastung u. Mobbing: Schülerinnen und Schüler mobben ! Was geht denn da ab !

Und sonst noch:
Mobbing, Koruption, und Arbeitsschutz muss Wahlkampfthema werden.

Gruss
Tom
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