Tagesspiegel online am 25.11.2008:Weil er die Arbeitnehmervertretung AUB mit rund 30.000.000 Euro geschmiert hat, wurde Ex-Siemens-Manager Johannes Feldmayer zu zwei Jahren Bewährungsstrafe verurteilt.
Außerdem muss der frühere Zentralvorstand des Konzerns 228 000 Euro Geldstrafe zahlen.
Der ehemalige AUB-Chef Wilhelm Schelsky, der das Schmiergeld entgegennahm, wurde vom Nürnberger Landgericht zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt.
"Wir mussten teils völliges juristisches Neuland betreten", sagte Richter Richard Caspar zum Grundsatzcharakter des Aufsehen erregenden Verfahrens. Schelsky habe über die AUB das Siemens-Management mit handzahmen Betriebsräten versorgt und dabei mit Feldmayer auch gegen das Betriebsverfassungsgesetz verstoßen.
Die Siemens-Zahlungen an Schelsky, mit denen die AUB im Konzern gegen die IG Metall in Stellung gebracht wurde, seien eine "massive Form indirekter Beeinflussung von Betriebsratswahlen" und damit gesetzeswidrig, stellte Caspar klar.
"Wir haben den Eindruck gewonnen, dass die Nürnberger AUB-Zentrale eine Abteilung der Firma Siemens war."
Ohne die Siemens-Gelder wäre die AUB nicht überlebensfähig gewesen.
Feldmayer habe per Unterschrift unter einen Vertrag 2001 dafür gesorgt, dass Schelsky unkontrolliert über die Millionen verfügen konnte und sich damit auch der Untreue schuldig gemacht.
Auch die Tatsache, dass Feldmayer den Siemens-Aufsichtsrat nie über die Machenschaften informiert hat, wertete das Gericht als Gesetzesverstoß.
Als dortige Vertreter der IG Metall einmal einen entsprechenden Verdacht geäußert haben, sei die Diskussion vom damaligen Siemens-Aufsichtsratschef Hermann Franz "abgewürgt" und aus dem Protokoll gestrichen worden, sagte Caspar. Mindestens ein Siemens-Zentralvorstand sei stets in die AUB-Finanzierung eingeweiht gewesen oder habe sie gar aktiv gefördert.
Caspar sprach von einem "eingespielten" System Siemens, bei dem Feldmayer das Pech gehabt habe, "zur falschen Zeit am falschen Ort" gewesen zu sein.
Hätte er 2001 als damaliger Bereichsvorstand den Vertrag mit Schelsky nicht unterzeichnet, wäre seine Karriere bei Siemens wohl beendet gewesen, schätzte Caspar.
Später stieg der heute 52-Jährige in das oberste Führungsgremium der Münchner auf und wurde dort zeitweise sogar als neuer Konzern-Chef gehandelt.
Richter Caspar geht davon aus, dass mindestens noch Ex-Zentralvorstand Günter Wilhelm und wahrscheinlich auch Ex-Finanzchef Heinz-Joachim Neubürger in den Fall verwickelt sind.
Siemens Dialog online am 25.11.2008:Der Erste IG Metall-Vorsitzende Berthold Huber hat das am Montag verkündete Urteil im AUB-Prozess begrüßt.
Die Verurteilten haben ihrerseits Berufung dagegen eingelegt, wobei ihre Erfolgsaussichten wohl kaum überragend sein dürften.
"Betriebswirtschaftlich organisierte Lüge, Bestechung und Verleumdung waren Instrumente eines Systems, das dazu beitragen sollte, die Arbeitnehmerinteressen klein zu halten", sagte Huber am Montag in Frankfurt.
Die IG Metall sollte an der Ausübung eines freien gewerkschaftlichen Mandats gehindert werden, nichts anderes habe hinter dem Sponsoring der AUB durch Siemens gestanden.
"Die Demokratie und die Mitbestimmung, aber auch eine moderne und offene Unternehmenskultur sind Sieger in diesem Urteil", betonte Huber daher.
Erwähnung fand in der Urteilsverkündung auch der Verstoß gegen das Betriebsverfassungsgesetz, wenngleich dies zugunsten der strafrechtlich gewichtigeren anderen Tatsbestände in den Hintergrund trat.
Richter Caspar erklärte in diesem Zusammenhang, die verdeckten Zahlungen seien "eine massive indirekte Beeinflussung von Betriebsratswahlen" gewesen.
Dass man in der Chefetage jahrelang nichts von den Vorgängen gewusst haben will, scheint dem Richter offenbar wenig glaubwürdig:
"Es ist erschreckend, wie manche Zeugen sich hier gewunden haben", sagte er mit Blick auf frühere Topp-Manager von Siemens, und:
"Das selbstherrliche und jegliche Wertmaßstäbe vermissen lassende Gebaren Einzelner in den Führungsetagen führt zum vielbeklagten Werteverlust in unserer Gesellschaft."
Gruss
Tom